Manifest für INKLUSIVE KUNST von Jana Zöll

/ November 2, 2019/ Allgemein

Inklusives Theater? – Ein Manifest
von Jana Zöll

Erstmal muss ich mit einem weitverbreiteten Missverständnis aufräumen: Inklusion heißt nicht ein paar „Behinderte“ mit einzubeziehen. Inklusion ist für alle da. Und betrifft alle. Ausnahmslos. Trotzdem kann ich natürlich nur aus der Perspektive einer Künstlerin mit Behinderung schreiben.

Für Menschen mit Behinderung beginnt ein inklusives Theater bei Barrierefreiheit, das heißt sowohl Barrierefreiheit vor als auch hinter der Bühne. Dafür möchte ich hier nur ein paar Beispiele nennen, weil mir dieses Thema bei der Allgemeinheit schon am präsentesten zu sein scheint: Einbindung von Audiodiskreption, Gebärdensprache und Leichter Sprache in Vorstellungen und jedweder Öffentlichkeitsarbeit und natürlich auch in die Probenprozesse, wenn benötigt. Barrierefreie Wege, Anpassung der Arbeitsweise und Struktur. Dies betrifft vor allem Arbeitszeiten und -pensum, aber auch Arbeitssprache und Kommunikation. Davon würden ohnehin viele profitieren.

Weiter geht es bei der Öffentlichkeitsarbeit und den Medien. Es ist in der heutigen Zeit, wo Inklusion noch nicht selbstverständlich ist, sicher verlockend damit zu werben, ein „inklusives Theater“ zu sein. Aber sicher möchte kein*e Künstler*in gerne als etwas anderes gelabelt werden als eine Künstler*in. Nehmt eure Künstler*innen als solche ernst und nicht als Behinderte, Migrant*innen oder sonst irgendetwas. Inklusion wird ohnehin missverstanden, wenn man sie als solche ständig benennen und die Menschen in Kategorien einordnen muss. Liebe Theaterkritiker*innen: Könnt ihr bitte einfach über die Kunst (oder meinetwegen auch Nicht-Kunst) und nicht über die Person oder das Erscheinungsbild der Künstler*innen schreiben?

Für mich ganz persönlich ist als Künstlerin das wichtigste Thema am Theater: Besetzung und Dramaturgie. Eine ganz allgemeine Frage: warum wird immer noch hauptsächlich nach äußerer Erscheinung und den dazu passenden Klischeebildern besetzt? Und auch eine radikale Besetzung gegen den Strich, die sich aber immer noch vor allem am Äußeren orientiert, keut die Klischees nur in anderer Form wieder. Liebe Menschen, die ihr für die Besetzung verantwortlich seid, habt den Mut und nehmt euch die Zeit euch eure Performer*innen genau anzuschauen, damit ihr sehen könnt, wen oder was sie wirklich verkörpern (können und auch wollen). Ich halte sehr viel von ernstgemeinten Arbeitsproben, aber bitte nicht nur bei den vermeintlichen „Spezialfällen“. Das wäre der Anfang, um wirklich neue und auch wahre Geschichten zu erzählen.

Das wichtigste Thema, um neue und wahre Geschichten zu erzählen ist aber die Repräsentation. Um neue Perspektiven im Theater sichtbar zu machen und neue Bilder zu schaffen, müssen die unterschiedlichsten Menschen alle erdenklichen Positionen auf und hinter der Bühne begleiten.

Damit aber überhaupt alle erdenklichen Menschen die Chance haben jedwede Position am Theater zu begleiten und auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten, müssen sich die Ausbildungen öffnen!

Theatermacher*innen hört auf euch dahinter zu verstecken, der „Markt gäbe keine Diversität her“. Fordert diese Öffnung der Ausbildungsstätten ein, gebt die Nachfrage mit Nachdruck kund, damit sich die Ausbildungsstätten nicht mehr damit rausreden können, es gäbe kein Bedarf von beispielsweise Künstler*innen mit Behinderung!

Jana Zöll, 2019

Zur Person

Jana Zöll konnte 2008 erfolgreich ihre Schauspielausbildung (adk ulm) abschließen. Von 2008-2014 war sie freiberuflich in der Freien Szene sowie an Stadttheatern tätig (u.a. 2 Gastengagements am Centraltheater Leipzig). In den Jahren 2014-2017 hatte sie ein Festengagement am Staatstheater Darmstadt. Seither ist Jana Zöll auch in Richtung Performance und Tanz orientiert. Sie beteiligte sich an Produktionen des Tanzlabor Leipzig und der PAC Un-label. Seit 2019 nimmt sie am Weiterbildungprogramm MADE (DIN a 13) teil.
In Kooperation mit Tanzlabor Leipzig war Jana Zöll 2018 in der Produktion: „Anthropomorphia 4230“. Auch in der aktuellen Produktion des Tanzlabor Leipzig  „SCHOOL OF SHAME“ wirkt Jana Zöll mit.

Jana Zöll auf der Bühne erleben – November 2019

Jana Zöll ist als Performerin in der neuen Produktion vom Tanzlabor Leipzig SCHOOL OF SHAME in Kooperation mit POLYMORA INC. im Leipziger LOFFT – DAS THEATER am 28. / 29. und 30. November 2019 zu sehen.
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